... nannte man damals die Contergan-Kinder, die heute hart auf die Fünfzig gehen, mithin seit langem keine Kinder mehr sind und mit den Folgeschäden ihrer Behinderungen zu kämpfen haben.
Am Vorabend der umstrittenen Ausstrahlung des Filmes "Contergan" lud Frau Maischberger Vertreter der verschiedenen Parteien in diesem Jahrzehnte alten Rechtsstreit zu sich ein. Und wir haben gelernt.
Nämlich: Die Gesellschaft darf der Firma Grünenthal dankbar dafür sein, daß sie das leidbringende Medikament ("So ungefährlich wie Zucker.") auf den Markt gebracht hat. Weil wir so erfuhren, daß nicht giftige Inhaltsstoffe gleichwohl dennoch Schäden im Erbgut anzurichten vermögen.
Bliebe einem da nicht das Wort im Maule stecken, würden wir gnadenlos aufjubeln: "Danke, Firma Grünenthal!" Weil das doch eine von den Erkenntnissen ist, die wir schon immer hatten haben wollen.
Nichtsdestotrotz sind wir dem Herrn Wartensleben, ehemaliger Justiziar der Firma Grünenthal, für die Einblicke dankbar, die er uns in das Rechtsempfinden der Pharmaindustrie und dieses Landes gewährt hat.
Daß nämlich, anstelle eines Schuldspruches, damals ein Vergleich zustande kam, der die Firma dankenswerterweise am Leben und in der Lage ließ, auch heute noch satte Gewinne einzufahren, ist neben dieser gesellschaftlich wichtigen Erkenntnis auch dem Umstand zu verdanken, daß einer nur dann schuldig sein kann, wenn ihm die Schuldhaftigkeit seines Handelns bewußt war. Grünenthal streitet das für sich natürlich ab und begibt sich damit auf immerhin biblisches Niveau: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder ...
(Es ist wohl Zufall, wenn mir dabei die Herren Ackermann und Co. in den Kopf kommen. Damals benamste man das mit dem schönen juristischen Begriff "Verbotsirrtum". Was nichts anderes heißt, als daß das fehlende Schuldempfinden allein schon Entlastungsgrund genug ist, oder so.)
Andreas Meyer vom Bund der Contergan-Geschädigten und mit verkürzten Armen und Beinen selbst Betroffener fordert uns, in Ermangelung juristischer Mittel (mehr oder weniger alle Eltern hatten damals einem Schadenersatzausschluß zugestimmt), zum Boykott der Grünenthal-Produkte auf.
Diese Aufforderung zu befolgen, bleibt freilich jedem selbst überlassen. Aber manchmal, finde ich, sollten wir schon drauf schauen, w e r das Zeugs herstellt, das wir gerade eben zu kaufen uns anschicken, auch wenn es mühselig sein könnte.
Und was die Sache mit dem Contergan angeht: Es mag sich jeder heute Abend und morgen anschauen, ob er den Bericht glaubt oder aber nicht. Vor Gericht verhindern konnte ihn Grünenthal jedenfalls nicht.
PS: Die "großmütige" Gabe von 100 Mio DM, die Grünenthal seinerzeit (ergänzt von einem ebenso hohen Betrag durch die Bundesregierung) für die Opfer in eine Stiftung einbrachte, sind seit ca.1998 verbraucht. Seither, liebe Leser, zahlen Sie und ich für das, was Grünenthal wohl als bedauerlichen Irrtum bezeichnen würde.
erphschwester - 7. Nov, 00:06
Daß Nichtraucher geschützt sind, ist ja beinahe ein alter Hut. Inzwischen darf nun beinahe nirgendwo noch geraucht werden, was sicherlich ein großartiger Beitrag ist für alle, die sich einstens schikaniert fühlten. Daß ich mich, zusammen mit allerhand anderen Rauchern, nun irgendwie diskrimiert fühle - pfeif drauf, wenn´s den anderen nur gut geht!
Aber die Gastwirte, die fühlen sich bei all dem auch nicht so gut. Jedenfalls die kleinen, die sowieso schon keine Reichtümer scheffeln. Weil sie nicht die Chance haben, in ihren kleinen Kneipen auch noch separate Raucher-Bereiche zu schaffen, dabei aber wissen, daß gerade der Raucher ansich recht gerne zu seiner Zigarette ein Bierchen oder ´was anderes trinkt. Oder zum Bierchen eine Zigarette ... ? Na, wie auch immer. Jedenfalls hat manch einer von ihnen schon allerhand Verluste gemacht, weil die Raucher weg bleiben. Vor die Tür zu gehen, ist ja irgendwie auch keine richtige Lösung.
Schon gar nicht, wenn´s wie gerade eben anfängt, kalt zu werden. Manch Raucher sagt sich da, daß er sein Bier auch zu Hause trinken kann. Aus dem Supermarkt isses sowieso viel billiger als in der Kneipe. Und bleibt weg. Zu Hause, wos schön kuschelig warm ist und einem keiner sagt, daß man ein Stinkbolzen ist, der den anderen die Gesundkeit versaut.
Auf diese Weise hat sich eine neue Kultur gebildet: Die Draußen-Kultur. Frühere Biergärten oder Terassenplätze werden nun abgeschirmt mit Plastikwänden oder Zeltplanen und Öfchen aufgestellt. Da ist es schön warm und der separate Platz geschaffen, den man drinnen nicht hat für die Raucher. Die Zelte sind voll, die Kneipen leer, aber dem Gastwirt ists egal, solange die Leute nur kommen. Vielleicht wird er irgendwann einen halben oder ganzen Euro auf seine Preise draufschmeißen, denn die Heizung muß ja bezahlt werden. Aber der Kneipencharme bleibt irgendwie gewahrt und weicht irgendwann dem der Grillhütte, die wir Deutschen ja alle so lieben.
Auf diese Weise haben wir zwar nun die Nichtraucher geschützt, aber wie ist das mit der Umwelt?
erphschwester - 5. Nov, 17:19
Herr Mehdorn sah gestern schon nicht so gut aus. Auf nichts ist Verlaß, aber auch auf gar nichts! Da hatte er doch wirklich geglaubt, dieser Chemnitzer Richter würde das Mehdorn-Recht sprechen. Und nun hatte der stattdessen einfach nur Recht gesprochen.
So´n Mist !!!
Nun hat der Mehdorn an die Bundesregierung geschrieben. Die soll sich einmischen in eine Sache, aus der sie sich vorher eigentlich hatte ´raushalten sollen. Solange das lief, wie das der Mehdorn wollte. Nun mit einem Male soll Tarifautonomie keine mehr sein, sondern der Bund sich auf seine Anteile an der Bahn besinnen.
Wie damals als Kind: "Mutti, Mutti, der hat mir mein schönes Streikverbot geklaut! Der ist so gemein zu mir!"
Mal sehen, was die Mutti dazu sagt.
erphschwester - 3. Nov, 15:41
...sagt die Vertreterin der Bahn, habe die GDL nun, da das Chemnitzer Arbeitsgericht ihr das Recht zum Streik im Fern- und Güterverkehr zugesprochen hat, das eigentlich nie in Frage stand.
Es sind schon merkwürdige Zeiten, in denen man sich Rechte vor Gericht erstreiten muß, die man eigentlich schon hat. Und, machen wir uns nichts vor, angesichts dieser merkwürdigen Zeiten, die wir haben, waren wir Zuseher uns nicht wirklich sicher, daß es so ausgehen würde. Schließlich hatte das gleiche Gericht vor ein paar Wochen schon einmal etwas anderes entschieden. Damals ging´s um eine Einstweilige Verfügung. Und man darf sich nun fragen, was heute anders ist als damals.
Oder eigentlich: Man möchte sich das nicht wirklich fragen, wenn denn die Richter nur zu Verstand gekommen sind. Denn schließlich sind die Verhältnisse heute nicht anders. Oder haben die zwischenzeitlichen Streiks im Nahverkehr bewiesen, daß es eine "Verhältnismäßigkeit" im Streik nicht gibt?
Gleichwohl werden schon Rechenbeispiele aufgemacht, denen zu Folge Streiks im Güterverkehr täglich 50 Millionen Euro kosten könnten. So betrachtet, ist da nun ein schöner Anreiz für die Bahn, doch einen Kompromiß zu schließen. Verhindert man den Streik rechtzeitig durch Vorlage eines akzeptablen Angebotes, hat man das Geld, das die Lokführer, ob nun angemessen oder nicht, fordern, ja schon wieder "drin".
Stattdessen stehen die Vertreter der Bahn, hartleibig wie eh und je, und behaupten noch immer, die bösen Lokführer seien an allem schon gehabten und noch zu erwartenden Elend schuld.
Es bleibt abzuwarten, wie das jene Teile der Wirtschaft sehen, die tatsächlich von der Bahn abhängig sind. Die Stahlindustrie und die Autohersteller verkörpern hierzulande eine große Macht und können nur bedingt auf die Straße umsteigen. Für sie dürften am Ende nur Resultate zählen, nicht jedoch die Prinzipien der Bahn, die sich - wenig anpassungsbereit - längst weitab jeglicher vernünftigen Erwägungen bewegt. Denn natürlich ist ein Streik beinahe immer teurer als die Forderungen der Arbeitnehmer. Durch Streik wird die Sache lediglich doppelt teuer.
Überdies sind Streiks eine nette Methode, jedweden Arbeitgeber daran zu erinnern, w e r denn da eigentlich seine Profite schafft. Sie alle sollten sich gelegentlich daran erinnern, wenn sie wieder einmal mit dem Gedanken spielen, die Kosten zu senken, indem sie bei den Personalkosten sparen. Der Arbeitnehmer ansich ist nämlich ein nur bedingt strapazierfähiges Geschöpf.
erphschwester - 2. Nov, 20:50
So äußerte unser Finanzminister, dem es überhaupt nicht gefiel, als nun allerhand Leute, u.a. der Herr Struck, darauf hingewiesen hatten, daß der Wegfall der Pendlerpauschale für die ersten zwanzig Fahrkilometer mit großer Wahrscheinlichkeit nicht rechtens ist.
Nicht, daß wir alle es nicht schon längst geahnt hätten, ist es doch seit einiger Zeit, genau genommen: seit Anbeginn der Ära Schröder, eine lieb gewordene Gewohnheit in diesem unserem schönen bürokratischen Land, daß doch - bittschön! - jeder für sich selbst heraus finden muß, was denn nun rechtens ist oder nicht.
Zwar funktioniert unser Rechtssystem noch, jedenfalls sehr oft, wenn es um das Herausfinden von Recht im Einzelfall geht. Aber irgendwie klemmt es da, wo man der Masse der Bürger erst einmal eine finanziell-juristische Bratpfanne über den Schädel zieht, indem man halbsaitene Gesetze macht.
Im Zuge langer Klageverfahren, welchselbe irgendwann vor allerhöchsten Gerichten enden, ist es neuerdings Sache des Bürgers, seinem Gesetzgeber dessen Unfähigkeit zu beweisen.
Es glaube nur keiner, bei dieser Verfahrensweise handele es sich um Beweise für die von uns allen längst vermutete Inkompetenz von Gesetzesschöpfern, die in ihr Amt gehoben zu haben, wir regelmäßig bedauern. Mitnichten! Die Herrschaften sind kompetenter, als wir alle uns überhaupt vorstellen können.
Denn: Erst einmal muß da einer sein, der überhaupt klagt. Der muß dann auch noch genügend Schneid (und Geld) haben, sich in die folgenden Instanzen zu trauen, wenn er denn nicht gleich siegt. Und sowieso macht so ein Rechtsstreit nur Sinn, wenn man bis ganz nach oben durchdringt, weil alles andere für das Gemeinwesen ja vollkommen uninteressant ist. Bestenfalls ein Einzelurteil, sonst nichts. Der, der da klagt, muß außer allerhand Geld auch noch eine hübsche Portion Zeit mitbringen. Weil ja doch viele Leute wegen vieler, vieler Sachen klagen. Da können schon mal locker zwei, drei Jahre oder mehr ins Land gehen.
Und jetzt kommt´s: In diesen paar Jahren hat der Fiskus, um den´s ja in irgend einer Weise meistens geht, schon allerhand abkassiert bei den Leuten. Die sich oft inzwischen an diese unangenehme, einstmals neue Sache gewöhnt haben. Die müßten jetzt wach werden (zunächst erst einmal die neuesten Nachrichten in Sachen aktueller Rechtsentscheidungen studieren), um ihrerseits die eigenen Ansprüche, und zwar rückwirkend, geltend zu machen. Weil aber meist nicht so viele wach werden, wie vorher geprellt wurden, bleibt immer hübsch ´was hängen im Säckel der neuen Gesetze, die sich nun als "nicht rechtens" erwiesen haben.
Aus dieser Warte machen schlechte, falsche, unrechte Gesetze durchaus einen Sinn. Sie bringen Geld, so oder so. Solches, das tatsächlich (und zwar mehrheitlich) hängen bleibt, und solches, das immerhin ein quasi-Kredit für unsere arme Regierung war. Die konnte eine Zeit lang glauben, es sei ihres und damit arbeiten.
Hernach kann man locker zugeben, daß alles nur ein bedauerlicher Irrtum war. Gewonnen hat man in jedem Fall. Wobei klar ist, daß "man" in diesen Fällen nie den Bürger, sondern stets den Regenten meint.
Was all das mit Disziplin zu tun hat? Naja, erst einmal muß man diese Gesetze so verkaufen, als würden sie Sinn machen u n d rechtens sein. Wenn die Regenten selbst nicht dran glauben (und das dann auch noch laut sagen) - wie könnten wir das dann?
erphschwester - 31. Okt, 06:15
Herr Schell, GDL-Chef, sitzt im Liegestuhl und kurt, während sein wackerer Vertreter und die Gewerkschafter der GDL kämpfen, was das Zeug hält.
Im Gegensatz zu einschlägigen Presseberichten habe ich keinen Moment lang angenommen, daß er sich aus dem Geschäft zurück gezogen hat, um andere machen zu lassen. Ich dachte nicht an Überdruß und überhaupt nichts Schlechtes. Weil ich doch gesehen hab´, daß Schell sich vor seinem zeitweiligen Rückzug so manche Nacht in Verhandlungen um die Ohren schlug, in denen ich selig schlummerte.
Schell hat viel zu hohen Blutdruck, wie er in einem Interview gesteht. Nichts, wofür man sich in seinem Alter und nach dieser Anspannung schämen müßte, auch wenn der Reporter ihm das einreden möchte. Und weil der einmal am Einreden ist, spricht er auch gleich von den miesen Umfragewerten. Die Stimmung schlage um, ist die Botschaft, die man dem GDL-Chef ans Krankenbett bringt.
Der hat zwar einen hohen Blutdruck, aber sonst drückt ihn nichts. Er kann lesen und kennt die anderen Umfragen auch. Denen zufolge ist die Stimmung in der Bevölkerung unverändert gut. Man möchte glauben, der eine oder andere Pendler wäre neidisch, daß er´s den Lokführern nicht gleich tun kann. Stattdessen ist man in der falschen oder gar keiner Gewerkschaft. Was Letzteres ja immerhin zu verstehen ist. Die Gewerkschaften sind schließlich auch nicht mehr das, als was man sie einst erfand. Viel zu geschmeidig und arbeitgeberfreundlichen machen sie keine Lust mehr, auf das Sich-Organisieren. So kämpft jeder nurmehr für sich allein und fühlt sich auch so: allein gelassen.
Da hilft auch Müntes große Rede zum Parteitag nicht. Das war eine Rede für den Tag. Und der ist vorbei. Alles geht weiter, wie es war.
erphschwester - 30. Okt, 06:38
DIE ZEIT erzählt uns in ihrer letzten Ausgabe von der HEIMKEHR DER GEBROCHENEN HELDEN.
Der Ton klingt anklagend wie immer, wenn wir von den Amerikanern und ihren Kriegen sprechen.
Sie rekrutieren halbe oder ganze Kinder mit Versprechungen, die in vielen Fällen nicht wahr werden, weil die Kinder das Ende der Kriege, in die man sie schickt, nicht erleben und also auch die versprochenen Karrieren und Studienabschlüsse nicht.
Und auch die richtig erwachsenen Soldaten, die nicht selten in die Fußstapfen ihrer Vorfahren treten, die damals in Japan, Vietnam, Korea oder wo auch immer waren, haben ihre Probleme, wenn sie es denn schaffen, lebendig wieder her zu kommen. Wir erfahren, daß sie neben körperlichen viel öfter noch seelische Verletzungen mitbringen, an denen so ein Arzt viel länger herumdoktert als z.B. an einem amputierten Bein.
Wir lesen von Depressionen, Angstattacken, Schlaflosigkeit, Süchten aller Art, Gewalttätigkeit und dieser vollkommen unerklärlichen Wut, die so viele von ihnen haben.
Wir sehen Bilder von Soldatenfriedhöfen; Gräber, so weit das Auge blicken kann, gerade abgezirkelte Reihen, in denen ganze Heerscharen von Grabpflegern damit betraut sind, das Ansehen, der HELDEN auch optisch herzustellen.
Wir lesen und sehen allerhand Dinge, die wir zwar verstehen, aber nicht nachvollziehen können, weil es bei uns seit Jahrzehnten keinen mentalen Boden mehr gibt für falsch verstandenes Heldentum. Wir waren dermalseinst eine Aggressionsmacht und übten uns in Demut, was auch hieß, sich aus den Kriegsschauplätzen dieser Welt heraus zu halten und bestenfalls in friedlicher Mission in die Welt zu ziehen.
Wann wohl wird DIE ZEIT ihre Aufmerksamkeit auf unsere Soldaten richten, die genau die gleichen Probleme durchleben, seit einiger Zeit schon (einschließlich der fehlenden Akzeptanz und Versorgung nach der Rückkehr), obwohl wir doch eigentlich nie wieder bei irgendwelchen Kriegen mitmachen wollten?
erphschwester - 29. Okt, 06:30
Herr Müntefering, so hört man, habe beim Parteitag der SPD zu seiner alten Form zurückgefunden. Und wirklich hat er dort "mit Verve" all die Themen zur Sprache gebracht, die uns allen schon seit langem unter den Nägeln brennen. Fast möchte man meinen, er habe dem Volk "auf die Schnauze" geschaut und demonstrierte nun in seiner Rede das berühmte "Wirhabenverstanden!"
In Wahrheit aber glaube ich, daß im Theater der SPD-Unpopularität die Rollen seit einiger Zeit schon verteilt sind. Sowohl die schlechten (und immer weiter sinkenden) Umfragewerte, als auch die Konturenlosigkeit der Protagonisten (Wer könnte Kanzlerkanditat werden?- Eigentlich keiner so richtig,) geboten dringende Aktivität.
So lag es nur nahe, im Kampf gegen den weiteren Beliebtheitsabsturz die Rollen zu verteilen:
Münte, seiner Funktion als Vizekanzler gerecht werdend (wo er allerhand ganz und gar nicht sozialdemokratische Entscheidungen mit zu tragen hat), galt einige Zeit lang als der verknöcherte Sturkopf, der von seiner "Chefin" schlichtweg untergebuttert wurde und kaum noch eigene Konturen hatte.
Beck jedoch wurde aufgebaut zu dem innerparteilichen "Revoluzzer", der sich der Sozialdemokratie besann, ohne allzu sehr von vorgeschriebenen (insgesamt wenig sozialen) Pfaden abzuweichen.
Und nun der große Paukenschlag: Während Beck sich an Detailfragen aufhält, die er heftigst umkämpft, ohne die eigentliche Richtung des Systems anzukratzen, steht plötzlich Münte vor den Genossen und packt alles aus, was vermeintlich ihm, aber in jedem Fall dem Großteil der Wähler auf der Seele liegt: Er fordert faire Chancen für Junge und Alte auf dem Arbeitsmarkt ein, faire Löhne für gute Arbeit, kritisiert die Millionengehälter der Manager genauso wie die schwierige Situation der Alleinerziehenden. Münte weiß, wo der Schuh drückt. Der Saal jubelt ihm zu. Münte voll der Großmut des weisen alten SPD-Genossen holt Beck an seine Seite und demonstriert damit: Wir sind uns einig, trotz mancher Auseinandersetzung in der Sache! Wir sind eine Partei! Wir ziehen an einem Strang.
Diese Geste ist nicht nur gemacht für den potentiellen Wähler vor der Glotze, sondern viel mehr noch für die Genossen im Saal, die wieder auf Einigkeit und Optimismus eingeschworen werden sollen in einer Zeit, da die Parteiaustritte sich häufen. Die Basis spürt schon lange, daß der Name der Partei längst kein Programm mehr ist und "die da oben" in ihren Armanianzügen, die dicke Zigarre in der einen und den edlen Rotwein in der anderen Hand, vor einiger Zeit schon den Bezug zu allem verloren haben, was ihre Partei einst ausmachte. Die Delegierten sollen sich erinnern und wieder heimisch fühlen, aber auf jeden Fall bei der Stange gehalten werden. Denn was ist eine Partei, die sich in Wohlgefallen auflöst, wert für jene, die schon lange nichts anderes mehr können, als hauptberuflich Politik zu machen?
Wer da also jetzt auf den Parteitag schaut und meint, es würde irgend etwas Großartiges passiert sein, der erinnere sich manch anderer großer Auftritte in der Vergangenheit einerseits und schaue dann auf seine eigene Situation: Geht es uns mit der Agenda 2010 jetzt besser? Sind die großen Fragen gelöst und der "kleine Mann" entlastet? Und, wenn schon nicht entlastet, hat der kleine Mann wieder einen optimistischeren Blick in die Zukunft? Fühlt er sich sicherer, zuversichtlicher?
Machen wir uns nichts vor: Das Vertrauen in die Politik, eigentlich in die Politiker, haben wir längst verloren. Da hilft auch solch ein furioser SPD-Parteitag nichts. Die Erfahrung hat uns längst gelehrt: DAS IST ALLES NUR THEATER!
erphschwester - 28. Okt, 08:36