Samstag, 27. Oktober 2007

Rembrandt war 47 und sah dem Ruin ins Gesicht

So nannte einst Joseph Heller eines seiner Bücher. Heller erhob nicht den Anspruch einer Rembrandt-Biographie, sondern war sich vielmehr nur allzu sehr dessen bewußt, daß wir Heutigen die Geschehnisse aus früheren Jahrhunderten nur schwerlich wahrheitsgemäß nachvollziehen können. Wir machen uns ein Bild von den Dingen. Und eigentlich tun wir das bei Biographien ja immer. Wir sehen, selbst bei noch lebenden Personen, nur das, was der Schreiber sichtbar machen will. Ohnehin können wir in die Köpfe der Menschen nicht hinein schauen, nicht ihre Gefühle, Wünsche und Motive erfahren, sie bestenfalls erahnen.

Was ja irgendwie beruhigend ist.

Aus der neuesten Rembrandt-Forschung erfahren wir jetzt, daß selbst die scheinbar objektiven Fakten aus Rembrandts Leben nicht richtig sind.
Es war ja auch nur zu schwer vorstellbar, daß der heute als wichtigster niederländischer Maler geltende Mann, der auch zu Lebzeiten schon Erfolge feierte, sein Leben in bitterlicher Armut beendete. Im Gegenteil war Rembrandt im Leben genau so kreativ wie in seiner Malerei. Er wußte es so einzurichten, daß all die Dinge, deren Nutzen er in seinem Umfeld genoß, nicht ihm gehörten. Arm wie die sprichwörtliche Kirchenmaus war er nur auf dem Papier, um seine Schulden nicht bezahlen zu müssen. In Wahrheit lebte er von den Einkünften und Geschäften seiner Frau, die auch nicht seine Frau, sondern seine Arbeitgeberin war. Zumindest auf dem Papier.

Insoweit kann Rembrandt als Vorbild für allerhand Männer der Neuzeit dienen, die auch nicht Schulden und nicht Unterhalt zahlen und doch ein Leben führen, das alles andere als armselig ist.

Ich habe den Verdacht, daß Heller all das bereits wußte, als er das Buch über Rembrandt schrieb. Heller kannte sich aus mit finanziellen Notständen und hatte, Rembrandt gleich, so diesen und jenen Trick parat. Womöglich war es ihm ein diebisches Vergnügen, eine Legende zu schüren, die er längst als das erkannte, was sie eben war.

Dienstag, 23. Oktober 2007

So viel steht mal fest:

Fernsehen macht glücklich. Jawoll! Sogar die Privaten, denen ich meiner Natur zufolge ja nun nicht wirklich so viel zutraue. Wenn sich zwischen die Charts von anno Pups und Uuups-die-Pannenshow (von diversen unsäglichen Nachtprogrammen ganz zu schweigen) mal ein Film einschleicht, in dem Edward Norton einen halbwegs normal-netten Menschen spielen darf - dann macht mich das glücklich.

Also: Sie wissen schon, wer Edward Norton ist, oder?

Das ist der, der in meiner Erinnerung stets so ein bißchen harmlos-dümmlich daher kommt. Bis sich dann ´rausstellt, daß er eine multiple Persönlichkeit hat. Und dann wieder ist das gar nicht wahr, aber sein Anwalt hat´s geglaubt und ihn erfolgreich rausgehauen, obwohl der Staatsanwalt Recht hatte.

Oder aber E.N. wird von seinem Kumpel zur Organisation irgendwelcher Truppen angestiftete, die alles in allem nicht sonderlich zimperlich sind, wenn´s ums Zuhauen und andere Gemeinheiten geht. Bis er merkt, daß sein Kumpel ... nun ja, auch das hat mit geistiger Verwirrung zu tun und muß nicht verraten werden, falls noch jemand den Film nicht gesehen hat.

Irgendwie muß der arme Kerl immer so´n Schmonsens spielen. Und die normale Zuseherin hat sich so sehr gewünscht, daß er (der doch nicht so´n Fiesling sein kann, wie ihm das seine Rollen vorschreiben) irgendwo auch mal ein fast-beinahe normal-netter Mann sein darf.

Nunja, E.N. hat sich den Wunsch selbst erfüllen müssen. Alle anderen sahen ihn wohl schon zu sehr in der Rolle des armen Irren, dem eine ganz Zeit lang keiner all diese Bösartigkeiten zutraut. Aber nach soundsovielen Filmen w e i ß man einfach, daß Norton der geistig verwirrte Bösling ist.

I c h weiß nun, daß er´s nicht sein muß. Und ich bin der festen Überzeugung, daß heute auch keine böse Wendung kommt, nicht nur, weil Ben Stiller auch mitspielt.

Eigentlich könnte ich jetzt ins Bett gehen. Besser wird der Tag nicht.

Sonntag, 21. Oktober 2007

Zu blöde!

Kapieren Sie das mit der Bahn? Nee, ehrlich!

Was, z.B. halte ich von solchen Aussagen wie: Juristisch gehört da was in den nächsten fünfzehn Jahren dem Bund, wirtschaftlich aber der Bahn.

Oder: In den letzten Jahren sind vom Bund 210 Millionen Euro zugeschossen worden, aber der Bund kann nicht kontrollieren, ob diese bestimmungsgemäß verwandt wurden. Wenn mir doch eine Sache gehört, wenn auch nur "juristisch", kann ich doch mal nachfragen, was die "wirtschaftlichen" Eigentümer mit meinem Geld machen?

Oder: Wieso war die SPD erst gegen die Volksaktie und nun dafür? Wie funktioniert es, wenn ich an die Börse gehe, aber ein Viertel der Aktien "stimmrechtslos" halte? Besteht da nicht doch die Möglichkeit, daß sich einer die anderen drei Viertel unter den Nagel reißt und dann den Bestimmer macht?
Spielt es überhaupt eine Rolle, was die SPD beschließt, da sie ja in zunehmendem Maße in der Regierung nichts mehr zu sagen und deswegen so ziemlich die gleiche Stellung hat wie dunnemals die Grünen, die auch gegen alles Mögliche waren und dann irgendwie doch mitgemacht haben, was die SPD beschloß?

Wie kommt so ein russischer Großunternehmer darauf, sich an der Bahn beteiligen zu wollen, wenn der Beschluß der Volksaktie seine Macht (und beim Erwerb von Sachen geht es ja immer nur darum) so massiv einschränken würde? (Wieso ist diese Meldung aus dem Videotext nach nur wenigen Minuten "verschwunden"?)

Kein Wunder, daß man mich ahnungsloses Geschöpf mit all diesen Informationen nicht überstrapaziert: Ich bin sowieso zu blöde, diese Dinge zu kapieren!
Für mich reicht es zu wissen, daß die böse GDL Montag bis Mittwoch schon wieder streiken will. Und wenn ich d a s doof fände, wäre das ganz in Ordnung.

Donnerstag, 18. Oktober 2007

Gleichschaltung

Früher war es so, daß ich keine Not hatte, irgendwelche Themen zu finden, die mich bewegen. Morgens nach dem Einschalten des Morgenmagazins dauerte es nur wenige Minuten, irgend eine Sache zu erfahren, die jetzt und ganz unbedingt von mir besprochen werden mußte.

Heute hingegen spielt es kaum eine Rolle, ob ich morgens oder wann auch immer den Fernseher einschalte, um mich zu informieren; die Nachrichten sind allemal sehr einfach gestrickt, wiederholen sich bis zur gähnenden Langeweile und unterscheiden sich bei Privaten und Öffentlich-Rechtlichen nach meinem Eindruck kaum noch. Hier wie da kommen sowohl die einen, als auch die anderen zu Worte. Und sowieso kann man die einen und die anderen in ihren Meinungsäußerungen immer weniger unterscheiden. Da sind überall solche, die plötzlich (obwohl ihr persönlicher Standort das imgrunde nicht zuläßt) ihr soziales Gewissen entdecken, und auch solche, denen die Wirtschaft ihr soziales Gewissen schon längst abgekauft hat, so daß wir die merkwürdigsten Thesen über das Funktionieren des gemeinen Arbeitslosen im Besonderen oder von Aufschwüngen im Allgemeinen erfahren. Letztere sind neuerdings nie und nimmer dazu geschaffen, uns alle aufatmen zu lassen. Vielmehr muß alles so weitergehen wie bisher, damit alles besser werden kann ... irgendwann in einer fernen Zukunft, die wir alle wohl nicht erleben werden. Und sowieso weiß ja jeder, wie das so funktionert: Jedem Aufschwung folgt der große Katzenjammer, und auf den sollen wir uns mental schon mal vorbereiten. Da ist es besser, wenn´s einem erst gar nicht besser geht und man das Gürtelengerschnallen nicht gleich wieder verlernt.

Nur manchmal noch werden Botschaften verbreitet, die zum Aufregen geeignet wären: Wenn da in der Zeitung steht, daß und wie viele Vorstandmitglieder Jahreseinkünfte im zweistelligen Millionenbereich haben (und der gemeine Leser sich fragen darf, w a s - um Himmels Willen - man tun muß, um so viel Geld zu verdienen; und im Herzen weiß jeder, daß die Leute das nie und nimmer redlich verdienen, sondern einfach kriegen für Sachen, von denen wir alle so genau gar nichts wissen wollen). Oder irgendwann um die Mitternachtsstunde berichtet dann auch mal jemand über die Siemens-Geschichte, in denen Zahlen genannt werden, die der gemeine Zuseher sich sowieso nicht vorstellen kann. D i e s e Herrschaften jedoch hantieren damit, ganz selbstverständlich, alle Tage, und kommen nicht auf die Idee, sich zu fragen, wie man von 347 Euro im Monat leben kann. Da müßte man sich nach deren Dimensionen ja irgenwie in den Unterkommabereich begeben.

Warum also die Leute mit Wissen belasten, das ohnehin keines ist. Sie v e r s t e h e n einfach nicht, was da so läuft. Und irgendwie ist das auch gut so.

Also haben die Berichterstattungen ein Ausmaß von Eintönigkeit erlangt, das sich nur dadurch erklären läßt, wie unfähig die Allgemeinheit doch ist, auch nur ein Quentchen von den wirklichen Dingen zu begreifen, als daß man sie ihr zumuten könnte. Da ist es doch wirklich viel einfacher, immer wieder auf den gleichen Knochen herum zu kauen. So kann der zunehmend ungebildete BRD-Bürger wenigstens folgen und wird in seiner Denkfähigkeit nicht überfordert, weil man ihm die Meinung günstigerweise gleich mit liefert, statt deren Produktion jedem selbst zu überlassen. Wäre ja noch schöner, wenn jeder plötzlich mit dem Denken anfangen würde!

(So ähnlich war übrigens heute Nacht mein Traum: Ich fragte Angela Merkel, w a r u m sie die Sachen alle so macht, warum sie ihr Volk ständig so vor den Kopf stößt. Und sie antwortete, neben dem Hinweis auf ihre begrenzte Zeit und damit auf meine Unmaßgeblichkeit als Wähler, daß es ihr Leid täte, wenn ich ihre Entscheidungen nicht verstünde, aber diese müßten genau so getan werden. Ob ich das nun verstehe oder nicht.
Sprachs und ging - wenn auch ein wenig blaß - zu ihrem nächsten Termin, während ich mich ratlos fragte, wie das mit der Demokratie wohl gedacht war. S o doch irgendwie nicht.)

Na, jedenfalls ist es maßlos langweilig geworden, Nachrichten zu sehen. Nicht nur, weil´s immer wieder die gleichen, bodenlos platt gewalzten sind, sondern auch, weil man den Eindruck hat, die wirklich maßgeblichen Sachen nicht zu erfahren. Sie werden im Hintergrund gehalten. Und manchmal ist da auch die Idee, daß es keine Rolle spielen würde, wenn man sie erführe. Weil wir schon hübsch weit damit gekommen sind, zu verinnerlichen, daß wir all das ohnedies nicht begreifen und deswegen doch nichts machen können.

Eva Herman nannte das neulich "Gleichschaltung", womit sie natürlich nicht das Allgemeine, sondern nur die Berichterstattung über sich selber meinte. Das war nicht sonderlich geschickt, weil in unserem Bewußtsein zuerst die Nazis gleichgeschaltet haben. Und von denen wollte sie sich ja vermeintlich distanzieren.
Es war darum aber um nichts weniger wahr, auch wenn ich nach wie vor der Meinung bin, daß Eva Hermans Köpfchen viel zu leer ist, als daß sie die Dimension der von ihr - wohl eher zufällig - geäußerten Wahrheit selbst erfassen könnte.

Sonntag, 14. Oktober 2007

Gehet hin ... oder: Man kann die Welt so oder so sehen

Thomas Hartmann ist Pfarrer, ein wirklich ganz netter, der sich obendrein eines leistet: selber denken. Wer mich kennt, weiß daß ich diese Eigenschaft an Menschen und besonders Pfarrern außerordentlich zu schätzen weiß.

T.H. hat sich auf der Buchmesse, noch vor der Öffnung für den Normalverbraucher, über "Killerspiele" geäußert. Er nämlich meint, es sei völliger Schmonsens zu behaupten, daß die unsere Kinder gewalttätig machen. Im Gegenteil ist er der Meinung, Kinder brauchen Ventile für ihre natürlichen Aggressionen. Der Mensch nämlich sei nicht wirklich dieses vollkommen friedliche Geschöpf, das die Friedensbewegung aus uns hat machen wollen. Der Dampf sei drin und müsse raus. Im Zweifelsfall lieber vor dem PC als draußen in der Welt, wo - wie wir leider wissen - unsere Kinder leider immer grober zur Sache gehen.

Mit den Killerspielen habe das nichts zu tun, sondern mit unserer sich so friedlich gebenden Welt. Raufereien, wie sie früher normal waren, wären da nicht mehr "drin". Weil die Schwelle unserer Empfindlichkeit so furchtbar niedrig geworden sei und jeder gleich nach dem Kadi schreie.
Beispielhaft verweist Hartmann auf die 600 grausamen Bibelstellen (die durchaus abschreckende Wirkung hatten und haben sollten) und Erich Kästner, dessen heiß geliebte Bücher auch beachtliche Prügelszenen enthalten.
Und übrigens, sagt Hartmann, könne man den Studien, die die gewaltfördernde Wirkung von "Killerspielen" (er selbst lehnt diesen Begriff übrigens ab, weil selten nur gekillt wird, sondern auch strategisches Denken gefragt ist) beweisen, gleich viel gegenteilige Studien entgegen stellen, die zwar nicht ganz so bekannt, aber trotzdem da sind.

Thomas Hartmann hat nun auch was gegen die 68er gesagt. Genau wie Eva Hermann. Aber im Gegensatz zu Eva hat er n a c h g e d ac h t. Und deswegen darf er hier ins Blog. Damit andere es ihm nachtun.

Freitag, 12. Oktober 2007

Von Rechten und Notfällen

Es ist, wie ich zugebe, ein bißchen langweilig, an aufeinander folgenden Tagen vom gleichen Thema zu berichten.

Aber irgendwie habe ich nicht den Eindruck, daß es das Gleiche ist, von dem ich schreibe, wenn ich das Thema "Bahn" und "Streik" nochmals aufgreife. Was bei dieser Thematik nämlich zunehmend in den Vordergrund tritt, ist nicht die Frage nach der Gerechtigkeit der Löhne der Lokführer, sondern die Frage nach Sinn, Unsinn und Zulässigkeit von Mitteln des Arbeitskampfes, wie Streik eben eines ist.

Es kann ja sein, daß der Deutsche, dank seiner angepaßten Natur, des Streikes bereits entwöhnt ist. Es kann auch sein, daß der Deutsche, dank seines immer weniger auf eigenes Denken orientierten Bildungssystems, nicht mehr über den politischen Überblick verfügt, den Sinn von Arbeitskämpfen zu begreifen. Es kann allerhand sein.

Gleichwohl ist es nichts anderes als Demagogie, wenn nach gestrigem dreistündigem Gespräch, das - wohlgemerkt - mit keinem anderem Ergebnis abschloß, als dem, die Bahn wolle am Montag ein neues Angebot unterbreiten, daß nach einem solch mehr oder weniger ergebnisoffenen Gespräch alle Welt erwartete, die GDL würde die für heute angekündigten Streiks abblasen.

Angebote, man erinnere sich, hatte die Bahn bisher schon einige vorgelegt, die eines wie das andere inakzeptabel waren. Es gibt also keinen Grund zu der Annahme, das Angebot vom kommenden Montag könne irgendwie, man erlaube mir das Wortspiel, "bahnbrechend" sein.
Hingegen hatte die GDL es mit ihrer bisherigen Praxis der fairerweise rechtzeitig angekündigten Streiks bislang nicht sonderlich weit gebracht. Diese gaben der Bahn nämlich jeweils genug Zeit, entweder Einstweilige Verfügungen zu erwirken oder aber Ersatz-Fahrpläne zu erstellen oder Ersatz-Lokführer (die nicht streiken dürfen) zu beschaffen. Streiks wurden damit noch weniger als ein Abklatsch ihrer selbst, wenn nicht gar vollkommen unmöglich oder sinnlos.

Nun ist aber, auch wenn die Praxis inzwischen anders aussieht, der Streik ein probates Mittel des Arbeitskampfes. Imgrunde das einzig wirkungsvolle. Nur, wer sieht, was ihm fehlt, wenn eine Sache nicht da ist, erkennt, was diese Sache wirklich wert ist.

Demagogisch hingegen ist es, wenn seitens der Bahn erklärt wird, die GDL schaffe "gezieltes Chaos" (jaja, so ist nun einmal der Streik), oder im Tagesschau-Kommentar von Anna Kyrielei (RBB) festgestellt wird, es sei "unverständlich", daß die GDL heute streike, obschon die Bahn so großzügig ... siehe oben.

Ich hingegen sehe bei der Bahn keinerlei Großzügigkeit, sondern den Versuch, einen legitimen Arbeitskampf durch rechtliche Maßnahmen zu vereiteln und damit den Börsengang abzusichern.
Wenig großzügig z.B. waren die in den Medien kaum behandelten Bemühungen der Druckausübung auf einzelne Lokführer, indem man vorherige Kurzstreiks zum "Notfall" deklarierte, der den Einsatz eines Notfallsplans rechtfertigt. Mit dem Ergebnis, daß Lokführer, die den Streik nicht als Notfall ansehen mochten, vom Arbeitgeber Bahn dies mit Abmahnungen und Kündigungen "honoriert" bekamen.

Ein Streik ist ein Streik ist ein Streik ist ein Streik - und sonst nichts. Das einzige Mittel des Arbeitnehmers, sich zu wehren, ohne seinen Arbeitsplatz los zu werden. Und: Streik ist ein Recht!

Heute wird ein Berliner Arbeitsrichter entscheiden, ob und inwieweit vor diesem Recht andere Interessen zurück zu treten haben und arbeitsrechtliche Konsequenzen eintreten dürfen oder aber nicht. Und es bleibt abzuwarten, ob sich dieser Richter seiner Verantwortung bewußt ist.
Wenn, wie in den vergangenen Wochen vor anderen Gerichten bereits geschehen, dieser Richter entscheidet, daß monetäre oder Imageprobleme eines Arbeitgebers Vorrang vor dem gesetzlich zulässigen Arbeitskampf haben, kommt dies einem Streikverbot gleich. D A S sollte dieser Richter bei seiner Entscheidung in Betracht ziehen. Denn Arbeitnehmer, die - fiktiver Notfälle wegen - nicht streiken dürfen, verlieren per sé das Recht zum Streik in seiner Gesamtheit.

Mittwoch, 10. Oktober 2007

Kurze Unterbrechung

Werbung, so lernt der moderne Marktwirtschaftler, gehört unabdingbar zum Geschäft. Denn wer, bitteschön, soll eine Ware kaufen wollen, die er nicht kennt? Was natürlich auch für Dienstleistungen gilt. Und irgendwie auch für irgendwelche Personen, die sich "Imagekampagnen" leisten, weil sie es nötig zu haben scheinen.

Aber nicht davon wollen wir reden, sondern vom neuen Werbespot der Bahn. Da menschelt es so nett, daß einem ganz warm wird um´s Herz. Die Bahn betrachte es als ihre vornehmste Aufgabe (natürlich klingt das im Spot viel, viel weniger geschäftsmäßig, sondern eben einfach nur nett), Menschen zueinander zu bringen. Und als Beweis fallen sich da ein paar Leute um den Hals, die noch nicht mitgekriegt haben, daß Auto fahren nicht nur schneller geht, sondern auch billiger ist, meistens.(Vielleicht haben sie auch keinen Führerschein ... mehr - oder so ´was.)

Währenddessen rüstet sich die böse, böse Gewerkschaft der Lokführer, diesem hehren Auftrag entgegen zu wirken und die Menschen eben nicht mehr zusammen bringen zu wollen, weil sie mit Streik droht. Und ich schaue den MDR, der mir erklärt, wo der Unterschied zwischen Bahn(Ost) 1989 und Bahn 2007 liegt: Man braucht länger, muß öfter umsteigen, zahlt wegen unnötig gefahrerener Umwege (auf Grund still gelegter Strecken) mehr, und zwar viel mehr Geld pro Kilometer für mehr Kilometer.

An mir vorbei gegangen ist am Sonntag Abend Anne Wills Gespräch mit Gästen wie Mehdorn und Tiefensee. (Da hörte ich noch seeehr schwer, was, wie mir inzwischen auf den Bildschirm kam, kein Verlust ist, denn beide sollen Schmonsens geredet und Frau Will den GDL-Chef ausgeladen haben.)

Bleibt der rührige Spot, bei dem mir eine simple Rechnung in den Sinn kommt: Eine Werbesekunde im Fernsehen, so habe ich in Erfahrung gebracht, kostet 1000 Euro. Geben wir dem Spot eine Sendedauer von 30 Sekunden, sind das schon 30 000 Euro. Zehn Mal habe allein ich ihn heute gesehen. Sind 300 000 Euro. Allerdings kann ich immer nur einen Sender anschauen. Gehen wir von 20 Sendern aus, die von den Zuschauern regelmäßig tangiert werden, und teilen wir das durch ein rundungsfreudiges Lokführereinkommen, dann wurde allein heute das Einkommen von 4000 Lokführern für das gute Bahn-Image verschleudert.

Pardon, Herr Mehdorn: Ich finde es trotzdem Sch... äääh ... nicht richtig, daß bei all diesen Kampagnen vergessen wird, w e r es ist, der die Menschen zusammen bringt. Das sind, zur Erinnerung, die in Europa beinahe am schlechtesten bezahlten Lokführer, die jetzt nichts anderes verlangen als das, was man ihnen seit Jahren schon vorenthält.

Is mir schon klar, Herr Mehdorn, daß Sie das nicht verstehen, weil Sie ja´n paar Euro im Monat mehr kriegen (wir reden nicht von verdienen!) und der Tiefensee auch nicht (d e m genügt für sein domm´s Geschwätz die eventuelle Aussicht, einmal Ihre Nachfolge anzutreten), aber man kann doch wenigstens mal v e r s u c h e n, sich in so ein armes Lokführerschwein ´rein zu versetzen. Die Gefühle der von Ihnen zusammen geführten Menschen auf den Bahnsteigen verstehen Sie doch auch. Oder ist das alles nur PR?

Dienstag, 9. Oktober 2007

Notstand ... oder: Darf´s noch´n Nierchen mehr sein?

Dieser Tage hörten wir ein weiteres Mal vom Pflegenotstand, der ja irgendwie nicht so ganz neu ist.

Während jedoch in der Vergangenheit verdeutlicht wurde, daß man im - finanziellen - Notfall eben ein bißchen mehr sparen müßte und daraufhin ein paar Krankenschwestern, Pfleger und Ärzte wegließ (um die verbliebenen "ein bißchen" mehr arbeiten zu lassen), was wiederum dazu führte, daß auch die verbliebenen sich auf die Suche nach einem Leben mit Job, aber immerhin auch etwas Leben begaben und bei dieser Suche Skandinavien und Großbritannien fanden ... nachdem also in der Vergangenheit dem Notstand entschlossen entgegen getreten wurde, stellt man nun fest, daß alle Aktionen so richtig nichts geholfen hatten.
Viele Krankenhäuser befinden sich mehr denn je am finanziellen Abgrund. Und wer nicht unbedingt, unbedingt muß, wird als vernünftiger Mensch in deutschen Landen einen Teufel tun, in ein Krankenhaus zu gehen. Denn: Krankenhäuser machen krank. Weil es zu wenig Personal gibt, weil deswegen verspätete und/oder falsche Diagnosen drohen, katastrophale hygienische Zustände herrschen und die Freundlichkeit der überlasteten Ärzte und Schwestern auch sehr zu wünschen übrig läßt.

Kurzum: Krankenhäuser sind ein Ort, an den wir uns nicht nur deswegen ungern begeben, weil uns in diesem Falle die Gesundheit abhanden gekommen ist, sondern weil man sich gerne überlegt (so man noch den Hauch einer Wahl hat) ob - wenn´s denn schon sein muß - man lieber unter netten, vertrauten Menschen und im eigenen Bett oder aber im Krankenhaus stirbt.

Keine Wahl haben jene, die weniger fatalistisch veranlagt sind als ich und an ihrem Leben hängen. Besonders, wenn sie irgend ein neues Organ brauchen, gehen der notwendigen Transplantation häufig lästige und langwierige Krankenhausbehandlungen voraus, die sich nicht vermeiden lassen.
Organe sind knapp, denn obschon die Menschen wie eh und je nicht nur geboren werden, sondern eben auch sterben, fehlt bei den meisten ein eindeutiges Bekenntnis zur Spendenbereitschaft, weshalb man sie mitsamt all ihren schönen und so heiß ersehnten Organen verbuddelt, statt diese anderen einzusetzen, die eben noch nicht tot sind und es auch möglichst lange nicht sein möchten.

Nun hört man von Kliniken, die zur Behebung des oben beschriebenen Notstandes sich auf eine Art Transplantationstourismus eingestellt haben. Sie warten mit Krankenzimmern auf, die einem Fünf-Sterne-Hotel gut zu Gesicht stünden und obendrein noch Satelitenfernsehen aus aller Herren Länder empfangen. Und sie freuen sich auf die "Gäste", die mit einem neuen Organ und wiederhergestellter Gesundheit abreisen und dafür allerhand gutes Geld da lassen, das für die Notstandsbehebung dringend gebraucht wird.

Und wer sich da nun fragt, wie das angesichts der ohnehin schon begrenzten Organreserven möglich ist, die hiesigen Patienten oft jahrelange Wartezeiten bescheren, dem sei geantwortet: Das Transplantationsgesetz macht es möglich.
Da nämlich richtet sich die Wartezeit nach Dringlichkeit, die - man ahnt es - von Ärzten festgelegt wird.

Ein Schelm, der nun schlußfolgern würde, daß die Dringlichkeit bei zahlenden Gästen womöglich immer ein kleines bißchen größer ist als beim gemeinen Kassenpatienten ...

Motto:

Meine Bilder kann man kaufen. Meine Texte und meine Meinung nicht. D-J

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