Damals, als ich in solch heissen Sommernächten wie jetzt noch mein Bett auf dem Balkon aufschlug und vorm Einschlafen den Fledermäusen bei ihrem nächtlichen Flug zusah, damals hatte ich nicht das Gefühl, dass der Mond so nah ist.
In Wahrheit kommt er nicht näher, sondern entfernt sich von der Erde. Jedes Jahr ein paar Zentimeter, hörte ich. Und eines Tages wird er sich aus dem Bannkreis der Erde lösen, was vielleicht eine schlimme Sache sei.
Aber noch scheint er heller denn je und lässt vieles andere Licht am Himmel scheinbar verschwinden, nicht alles. Ein paar Teile von einem der Wagen (die ich nie auseinander halten kann) sind noch da.
Der Polarstern auch, den ich noch am sichersten an seiner Helligkeit erkenne. Alles andere liegt in milchiger Verschwommenheit, und ich kann nicht schlafen.
Was sicherlich am zu spät getrunkenen Kaffee liegt und nicht am Mond. Der ja nicht einmal auf der Schlafzimmerseite scheint.
Damals, als ich in solchen Nächten wie heute mein Bett auf dem Balkon aufschlug, habe ich zugesehen, wie die Fledermäuse über die fahle Scheibe des Vollmondes flogen und gedacht, dass es ist wie in diesen Filmen: ein bisschen kitschig, ein bisschen gruselig und reichlich unecht. Und schlief, die Decke vor der zunehmenden Nachtkühle bis zur Nase gezogen, irgendwann einfach ein.
erphschwester - 7. Aug, 00:15
Eine Bekannte erzählte heute von ihrer Großmutter. Die sie sehr geliebt habe. Der hatten sie zum 84. Geburtstag einen Rundflug geschenkt, weil sie noch nie geflogen war. Und irgendwie wolle sie es in diesem Leben doch noch einmal tun. Was könne denn schon dabei sein?
Er habe ihr sehr gefallen, dieser Flug.
Meine Mutter bekam genau solch einen Flug zum Siebzigsten. Was kein Jahr zu früh war, denn sie wurde nur 74. Trotz aller Turbulenzen und nicht ganz so großer Begeisterung stieg sie einige Monate später in ein Passagierflugzeug und flog ichweissnichtwohin. Sie ist in dieser Zeit viel gereist. Es war, als wüsste sie, dass sie nicht mehr viel Zeit haben würde, all jene Orte zu sehen, in die sie während ihrer Kindheit und Jugend so leicht hätte kommen können, wären die Zeiten da nicht so schlecht gewesen.
Irgendwie sind die Zeiten immer schlecht. Auf die eine oder andere Weise. Und wenn sie´s einmal nicht sind, werden wir uns dessen nur allzu oft nicht bewusst. Wir tun so, als hätten wir einen gottverdammten Anspruch auf irgendwas und merken erst später, dass DAS die Zeit war, in der es uns richtig gut ging. Was denn mehr kann man wollen? Im schlimmsten Fall trauern wir der Sache nach und ganz Uneinsichtige wollen DAS wieder haben.
Man kriegt nichts Altes wieder, und alles Trauern hilft nichts.
In einem Blog kommentierte ich heute, wir sollten unseren Kindern wieder das Recht auf den heutigen Tag zurück geben. Das ist nicht von mir, sondern von Korczak, der damals mit "seinen" Kindern ins KZ ging, obwohl er hätte frei kommen können.
Ich finde, jeder (nicht nur Kinder) sollte das Recht auf den heutigen Tag haben; das Recht, trotz aller Zukunftsplanung heute schon zu leben. Wer weiss, wie viele Tage man noch hat?
erphschwester - 6. Aug, 19:19
Warm ist es wie damals am Mittelmeer. Die Luft schien zu stehen und legte sich wie eine Last auf alles. Keine Bewegung von nichts und niemandem. Nur die Zikaden riefen gelegentlich klagend.
Die Zikaden (wenn da welche wären, aber natürlich sind hier keine) könnte ich nicht hören mit dem Kopfhörer auf den Ohren. In ein paar Stunden, ahne ich, werde ich ein weiteres Mal die Nachricht einer Freundin auf dem Anrufbeantworter vorfinden, die sich beklagt, dass ich nie zu erreichen sei. So nah und doch so fern.
Ich stehe vor der Staffelei, zu schlaff, um wie sonst nach den Klängen der Musik zu swingen, während der Pinsel über die Leinwand wedelt. Grundieren aus dem Schultergelenk heraus. Das ist Arbeit, nicht viel anders als Wände streichen. Und wirklich sehe ich, während ich durch den Flur zum PC gehe, um die Leinwand trocknen zu lassen, eine Frau im Muskelshirt, nicht viel anders als die Maler neulich draussen auf dem Gerüst. (Ahja, die waren jünger, muskulöser, brauner und Männer halt; am Ende bleibt als Gemeinsamkeit dann doch nur das Muskelshirt, praktisch, aber nicht straßenfähig für eine Frau meines Alters.)
Hier drin, in meiner Wohnung und in meinem Kopf, kann ich machen, was ich will. Ich lese ein Blog. Nicht meines. Natürlich. Meine kenne ich ja. Und fühle mich angerührt. Es scheint der richtige Moment für eine Weltansicht, die ich zu einer anderen Zeit für allzu melancholisch, allzu sentimental, allzu wasauchimmer abgetan haben würde.
Wieder zurück an der Staffelei swinge ich dann doch ein bisschen. So viel halt, wie es der genaue Pinselstrich der ersten Konturen zulässt. Die Musik im Ohr, das Sentiment des Blogs im Kopf. Und denke mir, dass es nicht wahr ist, was ich früher behauptete: Beim Malen denke ich nicht.
Natürlich denke ich. Der Mensch denkt schließlich immer. Irgendwas, so dumm es auch sei. Die Kunst ist, die guten Dinge zusammen zu führen. Malen, dabei Musik hören und gute Gedanken haben. Mit etwas Glück führt ein guter Input zum guten Output.
Ich denke, dass es keine Zikaden braucht, um glücklich zu sein.
erphschwester - 5. Aug, 19:19